Franz Kafka: „In der Strafkolonie“

von abinsnirvana

In einem früheren Artikel berichtete ich über die Umerziehungslager und die dort herrschenden Zustände in Nordkorea, das zurzeit wegen seines Atombombentests mal wieder in aller Munde ist. Als ich dann vor ein paar Tagen als Gute-Nacht-Lektüre meine Kafka-Sammlung aufschlug, stieß ich auf die Erzählung „In der Strafkolonie“. Obwohl bereits 1914 geschrieben, musste ich sofort an jene Straflager in Nordkorea denken. Doch auch die Beziehungen zwischen den handelnden und behandelten Personen und Dingen erschienen mir sehr interessant und erinnerten mich in gewisser Weise an Bruno Latours Akteurs-Netzwerk-Theorie.

Zum Inhalt: Ein Reisender wird eingeladen, einer Exekution in einem Straflager beizuwohnen. Der Verurteilte, der nicht weiß weswegen er verurteilt wurde, noch, dass er überhaupt verurteilt wurde und sich auch nicht verteidigen konnte, soll mithilfe einer eigenartigen Tötungsmaschine exekutiert werden. Die Beschreibung dieses Apparates, der in einer 12-Stündigen Prozedur mithilfe von Nadeln seinem Opfer sein Urteil in die Haut schreiben soll, nimmt den größten Teil der Erzählung ein. Da der neue Kommandant des Lagers dieser Methode jedoch kritisch gegenübersteht, soll der Reisende, dem Offfizier, welcher von der Maschine begeistert ist, dabei helfen die Maschine weiterhin benutzen zu können. Da sich der Reisende jedoch weigert bei dem Kommandanten ein gutes Wort für den Apparat einzulegen, schnallt der Offizier, den Soldaten, der sich bereits in der Maschine befindet wieder ab und spricht ihn von seiner Schuld frei. Daraufhin besteigt der Offizier selbst den Apparat und wird von diesem innerhalb weniger Minuten ermordet, da sich das Gerät scheinbar verselbstständigt und währendessen nach und nach auseinander fällt.

Ähnlich wie in Kafkas „Proceß“ wird hier auf den ersten Blick ein willkürliches, unmenschliches Rechtssystem und dessen Methoden, die an Nordkorea erinnern, präsentiert. Der Soldat wird wegen „[…]Ungehorsam und Beleidigung des Vorgesetzten verurteilt[…].“(S.857), für die Todesstrafe als Urteil ein durchaus nichtiges Vergehen. Mithilfe von lochkartenähnlicher Zeichenblätter, auf denen das Urteil steht, soll dieses dem Angeklagten auf den Leib geschrieben werden, sodass es dieser im Verlauf der Prozedur lesen kann. Dass das dargestellte Rechtssystem undurchschaubar ist, zeigt sich, insofern der Reisende die Schrift nicht entziffern kann. „[…]er sah nur labyrinthartige, einander vielfach kreuzende Linien, die so dicht das Papier bedeckten, daß man nur mit Mühe die weißen Zwischenräume erkannte. »Lesen Sie«, sagte der Offizier. »Ich kann nicht«, sagte der Reisende. »Es ist doch deutlich«, sagte der Offizier. »Es ist sehr kunstvoll«, sagte der Reisende ausweichend, »aber ich kann es nicht entziffern.« »Ja«, sagte der Offizier, lachte und steckte die Mappe wieder ein, »es ist keine Schönschrift für Schulkinder. Man muß lange darin lesen. Auch Sie würden es schließlich gewiß erkennen.“(S.869-870) Nur für den Offizier, der selbst Teil des Systems ist, ist es verständlich, nicht jedoch für den aussenstehenden Reisenden. Auf den zweiten Blick jedoch fielen mir hier die Beziehungen der handelnden und behandelten Personen auf. Im Mittelpunkt der Erzählung steht sicherlich der Apparat, dessen Funktionsweise und Konstruktion genau beschrieben wird. Auf der anderen Seite steht der verurteilte Soldat, welcher in erster Linie den Behandelten darstellt, in der Erzählung jedoch nur sehr wenig Platz erhält. Jedoch stellt sich auch der Offizier als Behandelter heraus, wenn auch nur auf den zweiten Blick. Er ist vom dargestellten System und damit von dem Apparat, der dieses symbolisch darstellt sowie vom alten Kommandanten und Erfinder der Maschine, den er glühend verehrt, derart eingenommen, dass er zunächst nicht erkennt, wie überkommen die Prozedur ist. Nachdem ihm der Reisende klar macht, dass er das System nicht verteidigen wird, ist für den Offizier die letzte Hoffnung verloren. Ihm wird klar, dass er der letzte Vertreter eines nicht mehr tragbaren Systems ist und vermutlich erkennt er auch die Ungerechtigkeit, wenn er sich vom Apparat die Worte „Sei gerecht!“(S.888) auf den Leib schreiben lässt. Wenn sich dann noch der Apparat, der seit Jahren vom Offizier bedient wurde, selbstständig macht und nicht mehr das ausführt, was er eigentlich soll, zeigt sich, dass selbst das „unmenschliche Ding“ Apparat die Ungerechtigkeit erkennt. Er nimmt die Anweisung „sei gerecht!“ für bare Münze und tötet zunächst den Offizier, also den letzten Überzeugten des Systems und schließlich sich selbst, indem er auseinanderfällt. Schließlich war der Apparat gerecht und setzt dem System, dessen Mittelpunkt er darstellt ein Ende. Es zeigt sich also, dass der eigentlich handelnde Offizier dies nur scheinbar ist. Er wird vom anstehenden „neuen“ System und vom Apparat, dessen Ende damit auch bevorsteht behandelt, ohne dass er selbst wirklich etwas dagegen tun könnte, außer sich dem neuen System zu beugen. In gewisser Weise ist dies eine Darstellung des Agentur-Begriffs Bruno Latours nachdem Menschen, Dinge, Gedanken etc. operativ zusammenwirken. Andererseits kann man die Erzählung allerdings auch einfach als Darstellung eines totalitären Rechtssystems, wie beispielsweise jenes in Nordkorea sehen, in dem das einzelne Individuum machtlos in System verankert ist, jedoch auch die vermeintlichen Machthaber (bei Kafka der Offizier) und eingeschränkt selbst handeln, sondern ebenfalls von Einflüssen verschiedenster Art behandelt werden.

Quelle: http://barabern.wordpress.com/2012/08/19/gymnastik-der-wahrnehmung/

Harald Szeemanns Rekonstruktion der »Egge« aus Franz Kafkas In der Strafkolonie

Textausgabe: Franz Kafka: Romane und Erzählungen. Parkland Verlag. ISBN: 3-88059-989-0

Bildquelle: http://barabern.wordpress.com/2012/08/19/gymnastik-der-wahrnehmung/